Aus der derzeitigen Schwäche der Sozialdemokratie heraus gibt es keinen Königsweg, aber das eine oder andere erprobte Rezept gibt es sicher. Ein häufig geäußerter Wunsch ist, sozialdemokratische Inhalte besser zu vermitteln. In diesem Zusammenhang wird gerne das scheinbare Zauberwort „Framing“ genannt.

Framing ist grob gesagt die Kunst, etwas sprachlich oder bildlich aus einer Perspektive darzustellen, die die eigene Argumentationslinie stützt und andere überzeugt. Ein wichtiges Mittel des Framings ist die Verwendung von Metaphern: So wird von unserem sozialen Sicherungssystem als „Netz“ gesprochen, das Menschen auffangen, also Sicherheit geben soll. Dieses „Netz“ wurde aber auch schon als „Hängematte“ umgedichtet, in der sich einige angeblich auf Kosten anderer ausruhen. Diese Umdichtung kann argumentativ als Bild verwendet werden, um z. B. soziale Kürzungen zu motivieren.

Gastartikel

Oliver Czulo ist Übersetzungswissenschaftler und beschäftigt sich von Berufs wegen mit Sprech- und Denkmustern in verschiedenen Kulturen. In der Freizeit schreibt er gerne fürs konkret-utopische transform-Magazin. Zuerst war er als Juso aktiv, wurde 1999 auch Mitglied in der Partei. Seit 2017 ist er Beisitzer im Vorstand der SPDqueer Sachsen. Privat ist er gelegentlich ein unverbesserlicher Optimist.

Die Hoffnungen, die auf solchen Techniken ruhen, müssen regelmäßig gebremst werden. Es ist eine Sache, an der eigenen Sprache zu feilen. Aber vor einem erfolgreichen Framing kommen zuallererst die Inhalte. Erfahrungsgemäß können insbesondere diejenigen erfolgreich framen, die ein konsistentes Weltbild haben. Es gibt noch andere Bedingungen für ein gelingendes Framing, aber dass hinter dem Framing auch etwas steht, kann nicht schaden. Eine einfach nur aufpolierte, inhaltsleere Sprache ist zumindest auf Dauer auffällig. Und damit sind wir bei des Pudels Kern angelangt.

Die linke Lücke

Wenn es um linke Politik im 21. Jahrhundert geht, fehlt aktuell ein konsistentes Weltbild, wie es zu Zeiten der klassischen Arbeiterpartei noch existierte. So fällt es heute schwerer anschaulich zu machen, wie wir Gesellschaft sehen und diese in Zukunft aussehen soll. Es gibt zumindest eine linke Erzählung, die es Jahrzehnte lang geschafft hat, dem sozialdemokratischen Weltbild in einem Land einen ordnenden Rahmen zu geben, und die bis heute nachwirkt: Es ist das schwedische folkhemmet, das „Volksheim“ (ein Begriff, den man im Deutschen so heute sicher nicht prägen würde), in dem die Mitglieder der Gemeinschaft nicht nach den Regeln einer Klassengesellschaft sondern einer Familie zusammenleben. Leider sind uns Erzählungen dieser Art abhanden gekommen.

Die Alte-Neue Rechte hat diese ideologische Lücke mit ihren Konzepten und Erzählungen, von „Altparteien“ über „Schießbefehle“ bis zur „Umvolkung“ gefüllt und den politischen Diskurs direkt oder indirekt in der letzten Zeit dominiert. Sie löst damit (wirtschafts)liberale Erzählungen ab, die nicht nur in Deutschland lange das politische Handeln bestimmt haben. Eine davon war das Konzept „der Staat ist ein Unternehmen“, das der Neoliberalismus lange erfolgreich immer wieder verankert hat. Dieses Konzept hat es erlaubt, viele Bereiche des öffentlichen und alltäglichen Lebens unter eine Verwertungs- und Wettbewerbslogik zu stellen. In der Konsequenz hatte diese Idee eine deutlich zersetzende Kraft für unsere Gesellschaft.

Es gibt viele Einzelideen, wie unser gesellschaftlicher Zusammenhalt bewahrt werden kann, was aber fehlt, sind gemeinsame Denk-, Deutungs- und Argumentationsrahmen, eine gesamtgesellschaftliche Vision, die Orientierung bietet. Es bleibt also die Frage: Wie könnte eine sozialdemokratische Gesamtvision unserer Gesellschaft aussehen?

Die Gesellschaft als Große Familie

Ich denke, wir müssen anfangen, über unsere Gesellschaft nachzudenken wie über eine große Familie, mit allen Prinzipien, die für eine funktionierende Großfamilie gelten. Das Bild der Gesellschaft als Große Familie kann uns viel darüber lehren, wie unser Umgang miteinander aussehen könnte, und wie verschiedene Bereiche der Politik – Soziales ebenso wie Wirtschaft – gestalten werden können. Es muss dabei klar sein, dass es sich um eine moderne Version der Familie handelt, in der alle Mitbestimmungsrecht aber auch Mitwirkungspflicht (nach ihren jeweiligen Möglichkeiten) haben, und nicht um einen Neuaufguss einer patriarchalen Ordnung. Ebenso ist klar, dass Familie an sich nicht das meint, was (nur) durch Blutsverwandtschaft definiert wird, sondern ganz verschiedene Familienformen miteinbezieht. Manche entdecken nicht (nur) ihre Partner oder haben keine Kinder, sondern finden, in welchem Alter auch immer, ihr Ökodorfprojekt, ihr Mehrgenerationenhaus oder ihre Mit-Transen als zusätzliche oder neue Familie.

Unterstützung, Anteilnahme und Teilhabe sind in dieser Großen Familie zentrale Werte. Grundlegende Ressourcen werden frei miteinander geteilt. Man achtet sich gegenseitig und unterstützt einander gerade in schweren Zeiten, wenn auch die eine vielleicht mit etwas Bauchgrummeln, den anderen dafür umso lieber. An dieser Großen Familie können alle mitwirken, die nicht die Absicht haben, ihr zu schaden.

In dieser Großen Familie ist Platz für Viele. Wir können uns entfalten, ohne andere außer Acht zu lassen. Es kann den kauzigen, aber gutherzigen „Onkel“ geben, genauso wie die lebensfrohe „Mutter“, den „Cousin“, der früher eine Cousine war – aber ebenso die konservative „Schwester“, die nach wie vor glaubt, dass es insbesondere ihre Aufgabe als Frau sei, sich um die Familie zu kümmern. Gerade die politische Linke muss Konzepte finden, um Menschen zu integrieren, die nicht immer ihren Vorstellungen entsprechen.

Diese Große Familie ist kein Zuckerwattenwolkenkuckucksheim. Es rumpelt auch mal, und man kann sich die Meinung sagen, wohl wissend, dass wir schlussendlich wieder alle zueinander finden müssen. Alle wissen ohnehin, dass das Familienleben nicht halb so gut wäre, wenn alle dasselbe täten oder meinten. Humor ist in dieser Familie eine reife Art und Weise, sich mit den Eigenheiten der verschiedenen Menschen auseinanderzusetzen. Eine ständig bierernste Atmosphäre, in der sich alle belagern, um einander bei der ersten Gelegenheit eine Grenzüberschreitung vorzuwerfen, ist dort hingegen eine echte Horrorvorstellung.

Nicht nur die Einzelnen haben Pflichten einander gegenüber, sondern auch die gesamte Familie an sich. Am Tisch einer großen funktionierenden Familie werden Gäste ebenso wie Neuankömmlinge offen empfangen. Diese wiederum müssen die Prinzipien der Großen Familie befolgen, wenn sie gute Gäste sein oder sich in die Familie integrieren wollen. Außerdem achtet die Familie in ihrem alltäglichen Umgang die Natur und schützt damit die eigene Lebensgrundlage. Technologien gestaltet sie so, dass diese Möglichkeiten schaffen und nicht zu einer neuen Form der Versklavung werden.

Auch in dieser Familie muss gewirtschaftet werden. Aber eine Wirtschaft, die sich Familie als Vorbild nimmt, ist anders. Sie entwickelt Mitwirkungs- und Mitbestimmungsformen für ihre Mitglieder, die sicherstellen, dass nicht nur die Interessen von Einzelnen berücksichtigt werden. Außerdem darf man sich in dieser Großfamilie sehr wohl mal um die besten Plätze streiten, in der Wirtschaft genauso wie in Kultur, Sport, Wissenschaft. Zentrale Leitfrage des eigenen Handelns muss schlussendlich jedoch sein, wie die Gemeinschaft davon profitieren kann oder zumindest nicht geschädigt wird.

Visionär denken und handeln

Ein solches Bild kann seine Wirkung nur entfalten, wenn wir es verinnerlichen und einwirken lassen: auf unser gesamtes Denken und Handeln, inklusive unseres Sprechens. Es kann eine Grundlage für die politische Linke sein, um ihre Ideen und Maßnahmen zu ordnen und sie immer wieder gegen den Gesamtentwurf zu halten, um sie kritisch zu prüfen. Dieses Bild entspricht, glaube ich, ohnehin den Denkstrukturen der politischen Linken. Denn diese hat sich nie für Ausgrenzung, sondern für Inklusion eingesetzt. Aber andererseits hat sie immer wieder Schwierigkeiten, gewisse Regeln und Pflichten für unsere Gemeinschaft zu motivieren.

Das hier formulierte Bild soll nur eine verschiedener möglicher sozialdemokratischer Visionen und Utopien sein. Utopien sind dabei nicht Fantasmen oder Hirngespinste, sondern Visionen, die Aufgaben für Generationen sind. Ein Beispiel dafür wäre eine Welt ohne nationale Grenzen. Bei diesen Utopien müssen wir uns fragen, welche erste Etappe wir auf einem weiten Weg zurücklegen können, bevor wir den Staffelstab an die nächste Generation übergeben.

Lasst uns anfangen, unsere Gesellschaft als Große Familie neu zu denken. So hätten wir bereits einen wichtigen Schritt hin zur Erfüllung einer Vision getan.

Foto: Elevate on Unsplash

2 Kommentare
  1. Stefan Arens sagte:

    1. Gedanke: Toll! Sehe ich ganz genau so.
    2. Gedanke: Bisschen weltfremd…
    3. und wichtigster Gedanke: Hej, warum immer gleich mit negativen Gegenargumenten kommen. Ja, genau das ist unsere Vision und wir machen uns an die Umsetzung! Im Kleinen und im Großen. Auf geht’s!

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    • Oliver Czulo sagte:

      Hallo Stefan,
      freut mich, dass es dich anspricht! Zu Punkt 2: Klar ist das hier entworfene Bild „welt-fremd“, weil es ja eine Welt der Zukunft beschreibt. Außerdem ist es nur ein Bild, eine Folie, die man mit den heute beobachteten Umständen vergleichen kann. Wie man dem Bild näherkommen kann, ist in der politischen Umsetzung eine spannende Frage, und das wäre der nächste Schritt, nachdem man das Bild erstmal entworfen hat. Der Schritt ist dann schon weniger „welt-fremd“!
      Gruß, Oliver

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